Ehre & Amt

Ich bin ein Ehrenamtler und keiner weiß es. Niemand ist an mich herangetreten und hat mich gefragt.

Für meine Tätigkeit brauche ich keine Ausbildung und sie kostet auch kein Geld. Es gibt Leute, die bekommen für das, was ich mache Geld. Trotzdem möchte ich nicht tauschen. Ich arbeite freiwillig und zum Wohle der Gemeinschaft. Der Grund dafür ist ganz einfach und ich habe keine Wahl: ich gehöre zu einer Zielgruppe, ich bin ein Betroffener. Irgendwie unzufrieden war ich ja schon immer mit der Leistung des für meine Zielgruppe arbeitenden Unternehmens. Ich habe mit dem für mich Verantwortlichen gesprochen, hab rumtelefoniert und geschrieben, viel passiert ist allerdings nie. Mir wurde erklärt, wie kompliziert ihre Arbeit sei, wie komplex und vielschichtig, wie viele verschiedene Interessen sie zu berücksichtigen hätten und überhaupt unter welchem Druck sie stünden. Ich bin fast zusammengebrochen als ich erkannte, wie klein mein Problem im Vergleich zu ihren ist. Nachdem aber auch der letzte Hauch Mitleid mit den gebeutelten Mitarbeitern verflogen war habe ich beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Alles was ich brauchte war etwas Zeit und Ahnung von den Nöten der Zielgruppe, deren Angehöriger ich bin. Also frisch ans Werk und den angesammelten Ärger durch Aktivität abbauen. Nicht das ich deren Arbeit übernehmen wollte, ich bin eher der Typ Ergänzungsspieler, der bei Bedarf aufs Feld kommt. Alles läuft wunderbar, ich arbeite ohne Druck von irgendeiner Seite und wenn ich nicht mehr kann oder nicht mehr will höre ich einfach auf. Diese Unterscheidung zur Lohnarbeit sei mir erlaubt. Auf Anerkennung für meine Tätigkeit werde ich vorerst verzichten, denn dann müsste ich sie öffentlich machen und könnte den Verdacht erregen, ich wildere in fremden Revieren. Und so werde ich weiterhin all die fehlgeleiteten Briefe in meinem Kasten an die anderen Mieter meines Hauses weiterreichen.

 

Axel Hentschel

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