Der Weg ist das Ziel

Und wie war dein Tag, Schatz. Sensationell, einfach Bombe! Wie lange habe ich auf die Gelegenheit gewartet, diesen Satz sagen zu können.

Doch jetzt hatten sie die Bombe endlich gefunden und mein Zug fiel aus. Dazu muss ich sagen, dass ich Regionalzugfahrer bin. Montag bis Freitag, immer dieselbe Strecke, immer dieselben Gesichter. Da gibt es Fahrgäste, die für einen Sitzplatz ein Familienmitglied töten würden, zu viele Schüler, welche den Schulbesuch nicht verweigern und Latrinengänger mit einer chronischen Blasenschwäche. Doch nun sollte die Bombe Farbe in unseren Alltag bringen. Mit der S-Bahn wurden wir in die Nähe einer Pferderennbahn außerhalb der Stadtgrenze verbracht. Noch im Zug wurde uns Schienenersatzverkehr versprochen. Wie dieser aussehen würde blieb jedoch lange Zeit unklar. Einige schlossen bereits Wetten darauf ab, dass Pferde zum Einsatz kommen. Es waren dann doch bloß Busse, dafür aber sehr wenige und sehr kleine. Das Prinzip Kinderwagen und Rollstühle zuerst wurde mit massiver Polizeiunterstützung durchgesetzt. Die Busse brachten uns zu einem noch entlegeneren Bahnhof. Dort nutzte der örtliche Bahnsteigpinsel die Gelegenheit für diverse Testansagen auf der bis dato unbenutzten Lautsprecheranlage. Ein Bezug zur aktuellen Lebenssituation der Reisenden ließ sich nicht herstellen. Jedenfalls bin ich nach Stunden doch noch auf meinem Anwesen angelangt, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hätte man in der gleichen Zeit Prag erreicht. Seltsamerweise war das Zugfahren in den Tagen nach der Bombe angenehmer als früher. Eine verschworene Gemeinschaft von Veteranen, die noch einmal davon gekommen sind.

 

Axel Hentschel

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